Streisand-Effekt

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Als Streisand-Effekt wird das unbeabsichtigte Phänomen bezeichnet, durch welches der Versuch der Unterdrückung unliebsamer Daten im Internet erst die virale Verbreitung dieser Daten befördert. Als Abart des so genannten Hydra-Effekts markiert der Streisand-Effekt demzufolge die Multiplikation der Verbreitung als Ergebnis ihrer versuchten Unterdrückung. Die Erklärung hierfür liegt in dem bereits 1993 vom Internet-Pionier John Gilmore ausgesprochenen Aphorismus, dass „the internet interprets censorship as damage and routes around it“ (zit. nach Philip Elmer-Dewitt: First Nation in Cyberspace. In: Time International, 6. Dezember 1993, No. 49). Begünstigt wird dies durch die dezentrale Organisation des Internets, die sich auch in Microblogging-Diensten wie Twitter oder Social Networks wie Facebook oder XING zeigt: Wo immer Internet-User das Gefühl bekommen, Informationen sollten ihnen vorenthalten werden, finden sie umgehend Wege, um diese Informationen auf anderem Wege weiter zu verbreiten.


Ursprung des Begriffs

2003 wollte Barbra Streisand verhindern, dass ein Bild ihres Hauses veröffentlicht wird. Ihr Rechtsstreit mit den Fotografen Kenneth Edelmann und der Webseite Pictopia.com führte zu mehr Aufmerksamkeit im Internet, als das Buch, in dem das Foto veröffentlicht werden sollte, selbst je erregt hätte - ihr Haus war lediglich in einer Reihe von 12.000 anderen Luftaufnahmen zu sehen, mit denen der Fotograf für das California Coastal Records Project die Erosionsbewegungen an der kalifornischen Küste dokumentieren wollte. Streisand erreichte das Gegenteil von dem, was sie wollte: ihr Strandhaus möglichst aus der Öffentlichkeit heraushalten. Der Effekt beschreibt damit ein rechtlich vielleicht zulässiges Vorgehen, welches aber durch eine Verbreitung im Internet zum Bumerang wird.

Geprägt wurde der Begriff 2005 durch Mike Manik, der angesichts des gescheiterten Versuchs des Marco Beach Ocean Resorts in Florida, die Aufnahme seiner schmutzigen Toilette von der Webseite urinal.net löschen oder zumindest die Nennung des Resort-Namens entfernen zu lassen, schrieb: "How long is it going to take before lawyers realize that the simple act of trying to repress something they don't like online is likely to make it so that something that most people would never, ever see (like a photo of a urinal in some random beach resort) is now seen by many more people? Let's call it the Streisand Effect"


Beispiele für den Streisand-Effekt

  1. Nach dem Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen und 541 weitere verletzt wurden, veröffentlichte der Duisburger Lokalblog xtranews städtische Unterlagen, die den Verdacht der Verantwortlichkeit der Stadt Duisburg und ihres damaligen Oberbürgermeisters Adolf Sauerland stützten. Letzterer versuchte daraufhin mit einer einstweiligen Verfügung, die weitere Verbreitung mit Verweis auf das Urheberrecht zu verhindern. Seine Klage hatte den gegenteiligen Effekt: Insbesondere über Twitter wurden die Dokumente weithin gestreut und auf anderen Servern abgelegt. Stadtsprecher Josip Sonic kündigte daraufhin an, dass die Stadt von weiteren juristischen Schritten absehen werde.
  2. Im September 2009 verlangte der Ölkonzern Trafigura per einstweiliger Verfügung, dass die britische Zeitung "The Guardian" ihre investigative Berichterstattung über den Konzern einstellte. Konkret ging es um einen Skandal drei Jahre zuvor, bei dem ein von Trafigura gechartertes Schiff giftigen Sondermüll vor der Elfenbeinküste ins Meer abgelassen hatte. Über Twitter verbreitete sich der Skandal jedoch weiter, inklusive aller, für Trafigura unliebsamen, Details. Im Oktober 2008 wurde die einstweilige Verfügung gelockert und der Bericht des "Guardian" veröffentlicht.
  3. Auch die berühmte Böhmermann-Affäre aus dem Jahr 2016 kann als sichtbarer Streisand-Effekt beschrieben werden. Ausgangspunkt war die ironische Umdichtung des Nena-Klassikers „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Das Musikvideo Erdowie, Erdowo, Erdogan führte dazu, dass Erdogan den deutschen Botschafter ins türkische Außenministerium bestellte, was weltweit deutlich stärker rezipiert wurde, als das ursprüngliche Video. Dieses erfuhr daraufhin massive Verbreitung - auch in einer neuen Version mit türkischen Untertiteln. Daraufhin veröffentlichte der Satiriker Jan Böhmermann in seiner Late Night Show „Neo Magazin Royale“ ein Spottgedicht auf Erdogan, der daraufhin Strafanzeige erstattete. Zwar gab das Landgericht Hamburg letztendlich Erdogan Recht und verbot die weitere Verbreitung von rund 75% des Gedichtes, doch teilte die Netzgemeinde daraufhin tausendfach den Anhang dieses Urteils, in dem der Volltext zur Kenntlichmachung der verbotenen Passagen nochmals abgedruckt worden war.
  4. Der Versuch von Scientology im Januar 2008, ein eigens von ihnen produziertes Video mit Hollywood-Schauspieler Tom Cruise auf der Videoplattform YouTube sperren zu lassen, da es nur für die eigenen Mitglieder bestimmt gewesen sei, führte nicht nur zu einer viralen Verbreitung dieses Videos, sondern auch zur Gründung der Anti-Scientology-Bewegung „Project Chanology“. Hierbei kam es nicht nur zu Protesten in Orlando, Florida, vor dem Scientology-Center, sondern auch zu weltweiten Protesten und zu Forderungen, die staatliche Förderung dieser Kirche einzustellen.


Verwandte Effekte

Hydra Effect (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Cobra Effect (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)


Weblinks

Streisand Effect explained (auf englisch) (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Die Verbindung von John Gilmore und dem WikiLeaks-Phänomen (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Die Stadt Duisburg gegen xtranews.de (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Blogger besiegen Sauerland (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Der Guardian berichtet über Trafigura und deren Beschwerde über die Berichterstattung (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Bericht über den Trafigura-Skandal durch Greenpeace und Amnesty International (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

Chronologie der Böhmenmann-Affäre (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)

The 15 craziest victims of the Streisand Effect (auf englisch) (zuletzt abgerufen am 06.09.2018)